Pfaffenhofener Kurier, 13.05.2003
Despektierlich-witziger Blick auf Wagner-Opern

Ungewöhnlicher Abend mit dem Pianisten Thomas Emmerling vor 40 Zuhörern im Haus der Begegnung

Pfaffenhofen (gsl) Wie kaum ein anderer Komponist polarisiert Richard Wagner die Musikwelt: Seine Opern und Bühnenwerke erfreuen sich glühender Bewunderer, die zu Aufführungen rund um den Globus pilgern - oder werden verächtlich mit Missachtung gestraft. Der Pianist Thomas Emmerling versuchte nun auf Einladung der Pfaffenhofener vhs eine humor--voll-witzige Annäherung an den Musikfürsten vom Grünen Hügel in Bayreuth.
"Richard Wagners Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts". "Wie bitte?", ist der Musikinteressierte da geneigt nachzufragen, bleibt bei dieser Ankündigung doch völlig im Dunkeln, wohin Emmerlings juristisch-pianistischer Streifzug die 40 Zuhörer im Haus der Begegnung führen soll. Was als "etwas anderer Klavierabend" angekündigt war, erwies sich im Laufe des Abends als durchaus interessante, hörenswerte, humorvolle tour de force.
Kein Klavierabend zum entspannten Zurücklehnen - dafür waren schon die Stühle viel zu hart - nein, hier hieß es die Ohren spitzen wie in einer wissenschaftlichen Vorlesung. Oder besser gesagt: wie bei einer strafrechtlichen Gerichtsverhandlung. Thomas Emmerling konstruierte seinen Klavierabend rund um das wohl nicht immer toternst gemeinte Buch "Richard Wagners Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts", das der deutsche Jurist und Musikkenner Ernst von Pidde 1939 publizierte.
Ernst von Pidde wagt darin eine höchst unprosaische Betrachtung wagnerscher Bühnenwerke und legt schonungslos und unbeeindruckt die Charaktere von Siegfried, Wotan, den Walküren und Co. dar. Niederste menschliche Gefühle haben in seinen Augen Denken und Handeln germanischer Götter, Menschen, Riesen und Zwerge bestimmt, ja als reinste Verbrecherbande entlarvt er die heroischen Wesen, die sich auf der Bühne bekanntermaßen unmäßig viel Zeit lassen, ihr Befinden sängerisch mitzuteilen.
Von Bagatelldelikten abgesehen geschehen Brandstiftung, Betrug, Verrat, Raub, Erpressung, Totschlag, Mord und Inzest in den vier Teilen des Rings ("Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung") und das nicht zu knapp! Kriminelles Element als Impulsgeber für Opern? Ordnungswidrigkeiten als Zeitvertreib auf Wallhall? Die aus juristischer Sicht lange Folge von Gesetzesübertretungen, die Thomas Emmerling am Stehpult ähnlich einem Staatsanwalt vortrug erhielt eine komische Note durch die Verlesung geeigneter Textstellen, denn herausgelöst aus dem wagnerschen musikalischen Kontext hören sich die Worte der Heroen äußerst unheroisch an.
Als echtes Gegengewicht zu den für Wagnerianer respektlos erscheinenden Vorwürfen Ernst von Piddes gestalteten sich die zwischengestreuten und die vorgetragenen Worte erhellenden Musikbeispiele. Gewiss kein leichtes Unterfangen, Richard Wagners ton- und klangreiche Vorlagen für Klavier zu bearbeiten. Ob bei "Rheingold! Leuchtendes Gold!", "Siegfried und der Waldvogel", dem "Ritt der Walküren" oder dem "Trauermarsch" aus der Götterdämmerung - Thomas Emmerlings zehn Finger hatten alle Hände voll zu tun, die vorgegebenen Tonmassen zu bewegen. Auf der Klaviatur blieb in diesen 90 Minuten wohl keine Taste unberührt.
Ist es überhaupt möglich, mit zwei Händen die im Hinblick auf das ganze Opernwerk unverzichtbare Fülle von Zwischentönen wiederzugeben? Die lauten und leisen, kernigen, schwülstigen, die sanften, seligmachenden, aufwühlenden heroischen Klangnuancen, die der Kenner eben an Richard Wagners Musik so liebt?
Außer Frage waren hierbei alle assoziativen Fähigkeiten der Zuhörer gefragt und deren leichte Erschöpfung ließ sich trotz aller Begeisterung am Ende nicht übersehen. Dennoch lohnte der Besuch dieser ungewöhnlichen Vorstellung, nicht nur, weil sich dem Hörer die fünfzehnstündige Tetralogie samt Vorspiel zum "Ring des Nibelungen" auf kompakte eineinhalb Stunden verkürzte, sondern weil durch den schrägen Blick auf diese Bühnenwerke sich möglicherweise neue Betrachtungsweisen für die Opern Richard Wagners insgesamt ergeben mögen. Vielleicht trifft auch zu, was Thomas Emmerling am Ende der Vorstellung selbst formulierte: "In Zukunft werden Sie den "Ring des Nibelungen" mit anderen Ohren sehen und mit anderen Augen hören".