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Ungewöhnlicher
Abend mit dem Pianisten Thomas Emmerling vor 40 Zuhörern im Haus
der Begegnung
Pfaffenhofen (gsl) Wie kaum ein anderer Komponist polarisiert Richard
Wagner die Musikwelt: Seine Opern und Bühnenwerke erfreuen sich glühender
Bewunderer, die zu Aufführungen rund um den Globus pilgern - oder
werden verächtlich mit Missachtung gestraft. Der Pianist Thomas Emmerling
versuchte nun auf Einladung der Pfaffenhofener vhs eine humor--voll-witzige
Annäherung an den Musikfürsten vom Grünen Hügel in
Bayreuth.
"Richard Wagners Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts".
"Wie bitte?", ist der Musikinteressierte da geneigt nachzufragen,
bleibt bei dieser Ankündigung doch völlig im Dunkeln, wohin
Emmerlings juristisch-pianistischer Streifzug die 40 Zuhörer im Haus
der Begegnung führen soll. Was als "etwas anderer Klavierabend"
angekündigt war, erwies sich im Laufe des Abends als durchaus interessante,
hörenswerte, humorvolle tour de force.
Kein Klavierabend zum entspannten Zurücklehnen - dafür waren
schon die Stühle viel zu hart - nein, hier hieß es die Ohren
spitzen wie in einer wissenschaftlichen Vorlesung. Oder besser gesagt:
wie bei einer strafrechtlichen Gerichtsverhandlung. Thomas Emmerling konstruierte
seinen Klavierabend rund um das wohl nicht immer toternst gemeinte Buch
"Richard Wagners Ring des Nibelungen im Lichte des deutschen Strafrechts",
das der deutsche Jurist und Musikkenner Ernst von Pidde 1939 publizierte.
Ernst von Pidde wagt darin eine höchst unprosaische Betrachtung wagnerscher
Bühnenwerke und legt schonungslos und unbeeindruckt die Charaktere
von Siegfried, Wotan, den Walküren und Co. dar. Niederste menschliche
Gefühle haben in seinen Augen Denken und Handeln germanischer Götter,
Menschen, Riesen und Zwerge bestimmt, ja als reinste Verbrecherbande entlarvt
er die heroischen Wesen, die sich auf der Bühne bekanntermaßen
unmäßig viel Zeit lassen, ihr Befinden sängerisch mitzuteilen.
Von Bagatelldelikten abgesehen geschehen Brandstiftung, Betrug, Verrat,
Raub, Erpressung, Totschlag, Mord und Inzest in den vier Teilen des Rings
("Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried"
und "Götterdämmerung") und das nicht zu knapp! Kriminelles
Element als Impulsgeber für Opern? Ordnungswidrigkeiten als Zeitvertreib
auf Wallhall? Die aus juristischer Sicht lange Folge von Gesetzesübertretungen,
die Thomas Emmerling am Stehpult ähnlich einem Staatsanwalt vortrug
erhielt eine komische Note durch die Verlesung geeigneter Textstellen,
denn herausgelöst aus dem wagnerschen musikalischen Kontext hören
sich die Worte der Heroen äußerst unheroisch an.
Als echtes Gegengewicht zu den für Wagnerianer respektlos erscheinenden
Vorwürfen Ernst von Piddes gestalteten sich die zwischengestreuten
und die vorgetragenen Worte erhellenden Musikbeispiele. Gewiss kein leichtes
Unterfangen, Richard Wagners ton- und klangreiche Vorlagen für Klavier
zu bearbeiten. Ob bei "Rheingold! Leuchtendes Gold!", "Siegfried
und der Waldvogel", dem "Ritt der Walküren" oder dem
"Trauermarsch" aus der Götterdämmerung - Thomas Emmerlings
zehn Finger hatten alle Hände voll zu tun, die vorgegebenen Tonmassen
zu bewegen. Auf der Klaviatur blieb in diesen 90 Minuten wohl keine Taste
unberührt.
Ist es überhaupt möglich, mit zwei Händen die im Hinblick
auf das ganze Opernwerk unverzichtbare Fülle von Zwischentönen
wiederzugeben? Die lauten und leisen, kernigen, schwülstigen, die
sanften, seligmachenden, aufwühlenden heroischen Klangnuancen, die
der Kenner eben an Richard Wagners Musik so liebt?
Außer Frage waren hierbei alle assoziativen Fähigkeiten der
Zuhörer gefragt und deren leichte Erschöpfung ließ sich
trotz aller Begeisterung am Ende nicht übersehen. Dennoch lohnte
der Besuch dieser ungewöhnlichen Vorstellung, nicht nur, weil sich
dem Hörer die fünfzehnstündige Tetralogie samt Vorspiel
zum "Ring des Nibelungen" auf kompakte eineinhalb Stunden verkürzte,
sondern weil durch den schrägen Blick auf diese Bühnenwerke
sich möglicherweise neue Betrachtungsweisen für die Opern Richard
Wagners insgesamt ergeben mögen. Vielleicht trifft auch zu, was Thomas
Emmerling am Ende der Vorstellung selbst formulierte: "In Zukunft
werden Sie den "Ring des Nibelungen" mit anderen Ohren sehen
und mit anderen Augen hören".
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