Vivaldis "Vier Jahreszeiten" - schon zu Lebzeiten des Komponisten ein Hit

1725 erschien der Jahreszeiten-Zyklus als Teil der Konzertsammlung Il Cimento dell' Armonia e dell' Inventione (kühne Versuche mit der Harmonie und der Erfindung). Bald darauf war vor allem in Frankreich die Bewunderung groß, und 1730 verlangte König Ludwig XV. persönlich, das Frühlingskonzert zu hören. Selbst als Vivaldi längst nicht mehr dem musikalischen Geschmack entsprach (er geriet tatsächlich für lange Zeit in Vergessenheit), begegnete man noch hier und da Erwähnungen des Frühlingskonzertes. Wenn also im Zuge der Vivaldi-Renaissance des 20. (und inzwischen auch 21.) Jahrhunderts die Jahreszeiten zum populärsten Violinkonzert-Zyklus des italienischen Barock geworden sind, so folgt man hier gewissermaßen den Fußspuren damaliger Begeisterung.
Die Aura zweier Städte mag wohl die Entstehung der Vier Jahreszeiten beeinflußt haben - einerseits "Venedig, die erste Hochburg des Solokonzertschaffens" und andererseits Mantua in der Lombardei. "Daß ein Venezianer es war, der das Solokonzert zu seiner ersten Blüte führte und mit dieser Gattung das Tor zum ersten großen Jahrhundert der Instrumentalmusik aufstieß, mag aber auch in einem allgemeineren Sinne mit dem besonderen Nährboden dieser Stadt zu tun haben. Hier herrschten Weltoffenheit und das pulsierende Leben einer an Zerstreuungen und Festen, an Musik und Theater überreichen Kunst- und Vergnügungsmetropole. Wo, wenn nicht hier, sollte die Musik die Würde und Gemessenheit überkommener Stilideale abstreifen und einen freieren, leichteren Ton anschlagen? Welches Fluidum konnte einer Musik der melodischen Eingängigkeit und der phantasievollen Virtuosität günstiger sein als das der Lagunenstadt ?" (Karl Heller: Antonio Vivaldi, Leipzig 1991).
Es gibt inzwischen zahlreiche Hinweise darauf, daß Die vier Jahreszeiten bereits einige Jahre vor ihrer ersten Drucklegung komponiert worden sein dürften, wahrscheinlich zwischen 1718 und 1720, als Vivaldi in Mantua als Kammerkapellmeister am Hofe des Landgrafen Philipp von Hessen-Darmstadt tätig war. Ein wohl inspirierender Aufenthalt für Vivaldis Werk: "Die Zeit in Mantua war in jeder Hinsicht fruchtbar. Die neuen Eindrücke, vor allem die liebliche Natur der lombardischen Landschaft stießen bei Vivaldi auf offene Sinne: Werke wie die Vier Jahreszeiten oder die Concerti Alla rustica, II Gardellino (Der Distelfink) oder La Caccia (Die Jagd) konnten nur hier entstehen, nie aber in dem verwinkelten Netz der Gassen, Plätze und Kanäle Venedigs." (Michael Stegemann: Antonio Vivaldi, Reinbek 1985).
Daß Vivaldi seinen Werken programmatische Titel gegeben hat, entsprach durchaus den damaligen Gepflogenheiten; die Vier Jahreszeiten sind jedoch insofern einzigartig, als ihnen Sonette vorangestellt sind, die vermutlich vom Komponisten selbst stammen und über die er in seinem Widmungsschreiben äußert, sie "sollten die Musik verständlicher machen". Neben den Sonetten informieren Eintragungen im Notentext über das jeweilige Programm, wenn beispielsweise im Winter zwischen Fußstampfen und Zähneklappern zusätzlich noch Winde auftreten (Sirocco, Borea e tutti li venti) oder die Bratschenstimme im zweiten Satz des Frühlings den bellenden Hirtenhund wiederzugeben hat (Il cane che grida). Falsch wäre es anzunehmen, die insgesamt zwölf Sätze der Jahreszeiten stünden in direktem Bezug zu den 12 Monaten eines Jahres. Die Zahl der Sätze ergibt sich vielmehr aus der Konzertform Vivaldis, jeder Jahreszeit ist ein Konzert gewidmet, bei dem ein ruhiger Mittelsatz umrahmt wird von je zwei mehr oder weniger virtuosen Ecksätzen. Recht kunstvoll entsprechen sich über Kreuz die "angenehmen" Jahreszeiten Frühling und Herbst einerseits, die aus südländischer Sicht "weniger günstigen" Jahreszeiten Sommer und Winter andererseits. Diese Verschränkung kommt musikalisch in der Gegenüberstellung von Dur- und Molltonarten sowie von traditioneller und eher ungewöhnlicher Formgebung, inhaltlich in den vier Sonetten zum Ausdruck. Greift Vivaldi im Herbst auf ein Sujet aus dem Frühling zurück, so wählt er im allgemeinen intensivere Farben. Aus dem zierlichen Tanz der Nymphen und Hirten im wiegenden 12/8-Takt wird ein derb-burschikoser Bauerntanz. Der - durch ausdrucksvolle Kantabilität - feinsinnige Schlaf des Hirten (Frühling) korrespondiert mit dem Schlaf von Betrunkenen (Herbst), zunächst in der kurzen Episode des ersten Satzes und schließlich im harmonisch so schillernden Mittelsatz. Verbellt im Frühling ein einzelner Hund die schöne Melodie des langsamen Satzes, erscheint bei der Jagd im Herbst gleich eine ganze Meute mit fletschenden Zähnen. Sind drückende Hitze im Sommer und Eiseskälte im Winter recht widrig, so ist wenigstens die Kaminszene behaglicher als der angstvolle Mittelsatz des Sommers.

Bearbeitungen, Adaptionen und Verfremdungen

Die vier Jahreszeiten dürften wohl von der Zeit ihrer Entstehung bis in die Gegenwart zu den meistbearbeiteten Werken der ganzen Musikgeschichte zählen. Es existieren bereits im 18.Jahrhundert Übertragungen auf damalige Modeinstrumente wie Vielle und Musette, bis hin zu exotisch anmutenden Adaptionen der Gegenwart für russisches Domra-, japanisches Kotoensemble oder elektronische Instrumente - selbst die auf Schallplatte und CD erhältlichen Bearbeitungen sind kaum mehr zu überblicken.
Umso erstaunlicher ist es, daß offenbar bisher nie eine reine Klavier-Solofassung dieses Zyklus erstellt wurde (abgesehen von einer Fassung für 2 Klaviere aus dem Jahre 1995 von J.-C. Martins und F. Corvisier), war doch das Klavier vor allem im und seit dem 19. Jahrhundert das prädestinierte Instrument, um Musik jeglicher Provinienz solistisch wiederzugeben. Vielleicht scheute man bisher eine derartige Bearbeitung, da durch die führende Violinstimme das Werk bereits eine starke solistische Prägung aufweist.
Dabei ist zu beachten, daß es bei den Jahreszeiten eine "authentische" bzw. "werktreue" Interpretation gar nicht geben kann. Das Partiturbild ist sehr karg und spiegelt das musikalische Denken eines barocken Komponisten wieder. Klangphantasie und Improvisierungsgabe, etwa beim freien Auszieren von Kantilenen, ist gefordert, die Generalbassbezifferung bei Violoncello und Cembalo verlangt geradezu zwingend von den Interpreten, die ledigliche Angabe der Harmonien mit eigener musikalischer Motorik zum Leben zu erwecken. Selbst die Interpretationen der überaus zahlreichen Originalklang-Ensembles mit historischen Instrumenten - wie z.Bsp. Concentus musicus, English Concert, Academy of Ancient Music, Taverner Players, La Petite Bande, Drottningholm Baroque Ensemble, Il Giardino Armonico u.a. - unterscheiden sich beträchtlich. Noch weiter entfernt sind sicherlich sinfonische Dimensionen wie bei Leonard Bernstein oder Herbert von Karajan - oder die Modernismen in der Einspielung des Geigers Nigel Kennedy.
Wie bereits erwähnt gehen die frühesten Bearbeitungen auf das 18. Jahrhundert zurück: 1739 publizierte der französische Instrumentenbauer und Virtuose Nicolas Chédeville unter dem Titel Les Saisons Amusantes sechs Konzerte aus Vivaldis op. VIII, darunter den Frühling und den Herbst, für damals aktuelle Instrumente wie Musette oder Vielle. La Primavera wurde 1765 durch Michel Corrette und 1775 durch Jean-Jacques Rousseau bearbeitet. Handelt es sich bei Corrette um eine Erweiterung hinsichtlich der Besetzung (Chor, Streicher, Flöten, Hörner, Fagotte ...), so erfolgt bei Rousseau eine drastische Reduktion durch Bearbeitung für Flöte solo - wohl aus Begeisterung für die melodische Erfindungsgabe Vivaldis.
Auch heute sind immer wieder Aufführungen und Einspielungen zu finden, bei denen der Part der Solo-Violine durch eine Quer- oder Blockflöte, unter Beibehaltung des originalen Streicher-Ensembles, ersetzt wird. Eine solche Wiedergabe steht der ursprünglichen Fassung noch ziemlich nahe, es liegen Aufnahmen mit berühmten Flötisten wie James Galway, Jean-Pierre Rampal (jeweils Querflöte und Streicher-Ensemble, 1977 und 1992) oder Michala Petri (Blockflöte und Streicher-Ensemble, 1987) vor. Weiter entfernen sich da schon Bearbeitungen ausschließlich für Querflöten-Ensemble (Vienna Flautists, 1993) oder gar für Blechbläser-Ensemble (Canadian Brass, 1986).
Das weite Feld exotischer Bearbeitungen betritt man schließlich mit einer Adaption des Amsterdamer Gitarrentrio (1984) oder einer Aufnahme für fünf Marimbaphone (Percussion Project Rostock, 1993). Der weiche, tragende Klang dieser Instrumente wird durch orgelpfeifenartig angeordnete und abgestimmte Resonanzröhren erzeugt. Des weiteren existieren Einspielungen von Bearbeitungen für russische Domra, ein altes Volksinstrument, welches Ähnlichkeit mit der europäischen Mandoline hat (Classic Domra Ensemble, Russland 1995), sowie für sechs japanische Kotos (Saiteninstrumente die unserer Zither ähneln, Koto New Ensemble, 1976).
Letztendlich sei noch erwähnt, daß sich auch modische zeitgenössische Sparten wie "Classic goes Pop" oder "New Age" gerne bei Vivaldis Jahreszeiten bedienen. Bearbeitungen aller vier Konzerte sind hier allerdings eher die Ausnahme, meist begnügt man sich mit den populärsten Ohrwürmern, nämlich dem Eröffnungssatz des Frühlings und insbesondere der "Kaminszene" (2. Satz) des Winters. Die Formation Rondò Veneziano (1990) fügt Ausschnitte aus den Jahreszeiten und anderen Konzerten zu einem poppigen und partytauglichen Vivaldi-Mix zusammen, und bei James Last (1993) verbindet flottes Schlagzeug, das auch bei Vogelgesang und Zephirwinden beibehalten wird, die einzelnen Szenen zu echter "Happy Music". Ganz andere Absichten verfolgen CD's wie "New Computer Acoustic Classic" (1991) oder "Calm Ocean Sounds" (1992): mittels extrem gedehnter und völliger Nivellierung aller originalen Tempi, sowie eines Nachhalls, der alles mit einem sphärenhaften Mantel zudeckt, werden die Jahreszeiten hier zur computergenerierten Entspannungs- und Meditationsmusik, angereichert mit "echten" (nämlich elektronisch erzeugten) Naturgeräuschen wie Vogelgezwitscher, Donnergrollen und Meeresrauschen.

Ab dem Jahre 2003 wird Thomas Fischer in seinen Konzerten die
"Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi in der von ihm selbst erstellten Fassung für Piano solo spielen.
Die einzelnen Auftrittstermine entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungskalender.
Sollten Sie Interesse an einer Aufführung der "Vier Jahreszeiten" bei Ihren
Veranstaltungen haben, dann setzen Sie sich bitte mit der
Agentur Art-and-Piano in Verbindung.
Sie können dort auch eine Demo-CD mit folgenden
4 Ausschnitten des Programms anfordern:

Antonio Vivaldi / Thomas Fischer
LE QUATTRO STAGIONI

"Der Frühling" - 1. Satz
"Der Herbst" - 3. Satz
"Der Winter" - 2. und 3. Satz

Download von Hörproben
(jeweils ca. 15 sec):

"Der Frühling" - 1. Satz
"Der Herbst" - 3. Satz
"Der Winter" - 2. Satz
"Der Winter" - 3. Satz